Herwig Haupt

geb. 1938 in der Nähe von Breslau,

nach Lebensabschnitten in Niederbayern, Düsseldorf, München, Unterfranken und Hannover schließlich seit 1977 am Mittelrhein Heimatgefühl entwickelt

Lehrer, Psychologe, Ruhestand

Veröffentlichung von Lyrik und Kurzprosa in verschiedenen Literaturzeitschriften

Mitautor der Brückenschreiber-Anthologie „Füttere mich“ (2009)


Verfasser von „Wieder Lust auf ein Bier“ (2011)

Kurzgeschichtensammlung, Pop-Verlag 2011

Eine Rezension auf keinverlag.de können Sie hier lesen.


Nachtgedanken

von Herwig Haupt

(aus: Herwig Haupt, „Wieder Lust auf ein Bier“, Pop-Verl. Ludwigsburg 2011)

1. Paul

 

Nach einem griechischen Gleichnis ist die Nacht das Kind des sterbenden Tages, den sie sterbend wieder gebären wird. Seit ich nicht mehr trinke und frei bin, vorwärts wie rückwärts zu blicken, ist mir die Nacht zur Kampfstätte geworden, hält mich im Würgegriff, verweigert Vergessen und schleudert mich zurück in jenen Tag, der nicht sterben kann.

Nacht gibt Schutz, um im Morgengrauen anzugreifen. Aus großer Höhe musst du haargenau auf das Ziel zu schießen, rechtzeitig die Bombenlast ausklinken, in der selben Sekunde die Kiste hochreißen - und dann nichts wie weg. Der Propellerantrieb muss das Letzte hergeben. Klinkst du nicht aus, oder zu spät, kommst du nicht mehr hoch.

Ich stürze auf das Gehöft hinunter, wo der Feind stecken soll, habe den Zielpunkt im Visier, mache keinerlei Abwehr aus, bin Herr der Lage, bis sich unter mir etwas bewegt, Menschen, Fahrräder – und während meine Hände tun, was sein muss, erkenne ich, dass es Kinder sind.

Danach warf ich mehrmals die Bomben absichtlich auf Flüsse, Sümpfe und freie Weideflächen.

Meine Alkoholprobleme begannen erst viel später. 


2. Pavel

 

Wenn ich im Schlaf schreie, weckt mich Nina, streicht mir übers Gesicht und schläft wieder ein. Dann horche ich eine Weile, wie ein Pferd unten im Stall stampft, die Kühe sich etwas zubrummen oder der junge Hahn für den Sonnenaufgang probt. Solange der Hund nicht anschlägt, weiß ich, dass alles in Ordnung ist. Die schlimmen Tage liegen weit zurück.

 

Für einen zwölfjährigen Jungen ist es fast unmöglich, einen Ochsen aus dem sumpfigen Gestrüpp am Seeufer herauszuholen, wenn das dumme Vieh auch noch im Dreck stecken bleibt und scheinbar gar nicht mehr zurück will. Ich hatte ihn mühsam so weit, dass er freiwillig, den Strick um die Hörner, neben mir her trottete, hangaufwärts, noch schwärzer mit Schlamm bedeckt als ich.

 

Oben angekommen richtet er plötzlich den Schwanz steil auf, als säße eine Hornisse darunter, wirft die Hinterbeine wie im Tanz, tritt mir mit dem Vorderfuß fast auf die Zehen und will schon wieder runter zum See. Ich schlag ihm den Stock vor die Hörner, zieh ihm den Kopf herum und rede heftig auf ihn ein – dann wird mir klar, dass er schneller als ich begriffen hat, was los ist. Das Geräusch kenne ich. Ein Bomber. Runter vom Hügel, verstecken, flach hinlegen – aber wo? Der Ochse reißt sich los. Ich stehe schutzlos auf dem freien Feld und der Propellerlärm heult mich tot. Silbrig glitzert es mir über den Kopf. Ein schriller Orgelton, sinkend, abschwellend, ehe es unten am Ufer wahnsinnig kracht und das Wasser beinahe bis zu mir heraufspritzt. - Ich bin noch da, der Flieger ist weg und der Ochse, Kopf und Schwanz gesenkt, zottelt drüben am anderen Hang unserem Hoftor zu.

 

Wie oft wird mich die Nacht noch mit diesem Tag erschrecken? Neulich kam mir der Gedanke, dass es vielleicht einen Menschen gibt, einen ehemaligen Bomberpiloten oder Kampfflieger, der auch nicht schlafen kann ... 

 

 

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