+++Brückis News+++


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15.09.2021

Erste Lesung 2021 steht an!

Am 05.11.2021 in Kobern-Gondorf werden die 60er Jahre wiederbelebt,
Die Brückenschreiber werden Im Weinmuseum Geschichten aus einem legendären Jahrzehnt präsentieren! Weitere Infos folgen +++



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Sven Schmidt

 Sven Schmidt, geboren 1977 in Neuwied, seitdem zufriedener Stadtteilbewohner zwischen Wied und Rhein, nach Abitur und Wehrdienst zum Bürostuhlakrobaten mutiert, verheiratet, Vater von zwei Kindern, über das Lesen zum Schreiben gekommen. Begeisterter Besucher der Neuwieder Literaturwerkstatt . Schreibt hauptsächlich Kurzgeschichten, ohne sich auf bestimmte Themengebiete festzulegen. Träumt von Zeit und Geduld irgendwann ein kleines Büchlein mit Leben zu füllen und Gast beim "Literarischen Quartett" zu sein.

 

Weitere Geschichten könnt ihr in unserer Anthologie "Giovannis blonde Frauen" finden!

 



Minitexte



Morgens


Zarte Klänge aus der Morgentau-betropften Blumenwiese verjagen die Stille der Nacht. Das  Ringen der Sonnenstrahlen mit bleichem Mondlicht erweckt das gefächerte Himmelsrot. Ein Zirpen und Summen, ein Rascheln und  Brummen. Das Konzert des Morgens schwillt an und verzaubert die Wiese in ein quirliges Symphonieorchester. Schier melodiös ziehen Falter kreisende Bahnen und verkünden ihre Botschaft: Hört nur! Der Tag beginnt.


Der Bestatter


Ein rotes Kleid soll es sein. Ihr schönstes Kleid. Die Haarfarbe soll wieder brünett sein, nicht blond. Die Wunden müssen zugenäht und kosmetisch aufbereitet werden. Das Gesicht, der Mund, alles soll so hübsch sein wie zuvor. Sie liegt auf meinem Tisch. Auf blankem Stahl. Wirkt fast lebendig. Nicht bereit für den Übergang. Die Augen erstarrten im Moment des Aufpralls, dennoch schimmert ein glänzender Funke durch grelles Neonlicht. Ein Flackern. Dann erlischt es. Mit einem mulmigen Gefühl lege ich behutsam das weiße Tuch über ihr Gesicht.


Die Baustelle


Es dröhnt, es wird gebohrt, gehämmert, gemauert, verladen und entladen, eingeschalt, abgeladen, gepresslufthämmert, betoniert, gezimmert, verputzt, geschäumt, gerüttelt, es werden Schlitze gekloppt, das Dach gedeckt, die Elektrik verlegt, die Heizung installiert, gefliest, die Sanitäranlagen angeschlossen, Fenster und Türen gesetzt, Wände gestrichen und tapeziert.

Schön ein Fertighaus zu kaufen. Den Krach haben andere. Ich betrete mein Haus erst, als man mir den Schlüssel übergibt. Erst dann beschwere ich mich beim Ordnungsamt über den Baustellenlärm der Nachbarn.


De zwaarte Piet


Krumm und buckelig steht er vor den Kindern. In einen brauen Filzmantel gehüllt, mit schwerer Eisenkette beladen, versteckt er sein Gesicht hinter einem langen schwarzen Bart. Kein Mann aus Myra weit und breit. Er hat auch keine Geschenke dabei. In der linken Hand einen großen Sack, in der Rechten eine lange, gebogene Birkenrute. Sie fürchten ihn und zittern vor Angst. Und das sollten sie auch. Der schwarze Peter, Knecht Ruprecht, de zwaarte Piet kommt und holt die ungezogenen Kinder. Heute ist seine Liste lang und der Sack gefüllt. Gewimmer und Geschrei werden langsam verschluckt von dunklen Tannen. Die Schleifspur verliert sich im Wald und verschwindet bald unter peitschendem Schneegestöber.


Schlafes Sog


Sie schreckte kurz auf und fragte: „Was schreibst du denn? „

Ihr Früchtetee stand bereits seit Stunden unberührt auf dem Wohnzimmertisch. Eines der Kinder hustete im Schlaf. Ein abfälliger Kommentar über die laufende Fernsehsendung Das literarische Quartett ,sowie die gerade philosophierende Christine Westerman ("dem Götz Alsmann seine Alte") brach den Bann der Müdigkeit und verhalf ihr für eine halbe Minute zurück in die Welt der Lebendigen.

"Hast du die Mülltonnen rausgestellt?", fragte sie mich, nachdem sie festgestellt hatte, dass es draußen in Strömen regnete. Ohne eine Antwort abzuwarten, glitt sie wieder in die Sofakissen und versank in einem seligen Schlaf. Dann schrieb ich diese Zeilen.


Selfie-Assistent


Selfie- Assistent ist mein Beruf. Das letzte Foto, bevor sie sterben, ist mein Geschäft. Sie lachen und winken vor der tiefsten Gebirgsschlucht, johlen heroisch gefährlich nah am Abgrund, grinsen ihren Wagemut vor schwindelnden Höhen in die Kameralinse. Posieren wie Denkmäler großer Entdecker und Abenteurer, immer auf der Suche nach der noch besseren Inszenierung. Sie wollen Anerkennung und gieren nach Bewunderung.  

Genau dann stoße ich sie ruckartig in den Untergang. Und drücke auf den Auslöser. Das einzig wahre Portrait. Eingefangene Todesgewissheit. Der eine unverfälschte Moment im Leben selbstverliebter, selbstoptimierender Abziehbilder. Meine Sammlung wächst.


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Liebevolle Gefangenschaft


Ach, wie lieb ich meine Tiere. Oh, wie genieß ich es meine kleinen Kuscheltiere zu herzen, sie zu füttern, zu pflegen und zurechtzumachen. Wie sie mich mit ihren großen Knopfaugen ansehen. Kann es Schöneres geben? Wenn ich sie dann zurück in ihren Käfig sperre, merke ich wie glücklich sie sind.


Abschied


Salziges Wasser rinnt entlang  markiger Furchen und tropft ein Ornament der Verzweiflung auf weißes Papier. 



 Sven Schmidt                                                                                                          09/2021

 

 

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