Jürgen Gebhardt               

Im Mai 1957 in Koblenz geboren, seit der Jahrtausendwende im unteren Westerwald lebend. Schreibt Kurzgeschichten seit 2005. Themen sind die Skurillitäten des Alltags, die Natur, die Heimat und die Menschen. Das Leben an sich in all seinen Facetten. Erfüllte und unerfüllte Wünsche, Träume und Sehnsüchte. Die Vergänglichkeit und der Tod. Wird auch zukünftig mit Lust und Frust an kürzerer und längerer Prosa mit dem Ziel arbeiten, diese in Anthologien und Literaturzeitschriten zu veröffentlichen und bei Lesungen vorzutragen. 


Nach Italien 

 

Vater hatte diese riesige Kiste gekauft, bereits zwei oder drei Jahre zuvor. Chromglänzend, mit Heckflossen, kleiner als sie die Straßenkreuzer in Amerika hatten, aber für mich dennoch die größten Heckflossen, die ich je an einem Auto gesehen hatte. Ich war mächtig stolz auf das Auto, an dessen wuchtigem Kühlergrill der Stern prangte, denn schließlich hatte keiner der Väter meiner Spielkameraden einen ähnlichen Wagen. Die waren alle Beamte, fuhren Opel oder Volkswagen. Kadett, Käfer oder die Badewanne von Ford. Autos, auf die sie lange gespart hatten, die sie wie ihre Augäpfel behüteten und immer am Samstagnachmittag vor ihrem Haus wuschen und ablederten, während aus dem Autoradio die Fußball-Bundesliga lief, die in diesen Jahren noch in den Kinderschuhen gesteckt hatte. 

Die Jungfernfahrt hatten wir nach Österreich gemacht, wohin sonst, es ging jedes Jahr nach Österreich. Der Berge wegen. Schöne Erinnerungen, auch heute noch: Glasklare Luft, saubere Zimmer in einem Anbau eines Bauernhofs zum Übernachten, tagsüber Wanderungen in die Berge und immer ein kühles Skiwasser auf der Terrasse der Almhütten. Weiter Blick bis runter ins Tal, beim Blick nach oben wurde klar, wie beschwerlich der Weg noch werden würde, ein unvergessliches Gefühl stellte sich aber immer dann ein, wenn wir am Gipfelkreuz angekommen waren und ich wusste, dass der Weg ins Tal zumeist mit der Seilbahn zurückgehen würde. Ruhetage verbrachten wir an einem kalten Gebirgsbach. Abendliche Spaziergänge durch das kleine Dorf, vorbei an Bauernhäusern und Gasthäuser, in denen wir unser Abendessen einnahmen.   

Doch 1966 sollte es endlich nach Italien gehen, unserem Traumziel, zu dem wir Kinder schon seit Jahren hin wollten. Wir hatten abgestimmt, gegen Vaters Stimme, dem Familienoberhaupt, dessen Stimme doppelt zählte. 4:2, ein klares Ergebnis zwischen uns Fünfen. Noch ahnte ich nicht, dass das auch das spätere Ergebnis des Fußball-WM-Finales zwischen England und Deutschland sein würde, das mein Vater im Aufenthaltsraum des Hotels in Italien sehen und das ihm für einen Tag schlechte Laune einbringen würde.  

"Ich müsst schlafen, wir fahren früh los, um drei Uhr, dann sind die Autobahnen noch leer", hatte Mutter uns als Begründung mitgegeben, um uns am Vorabend vor Sonnenuntergang ins Bett zu schicken. Vorschlafen nannte sie das, heute weiß ich, dass man das gar nicht kann.

Die Rollen waren klar verteilt, Papa würde durchfahren bis an die Adria, auch wenn er noch so müde sein sollte. 

"Geht alle noch einmal aufs Klo, ich halte nicht mehr an bis Italien". Mutter saß mit den ausgebreiteten Karten auf dem Beifahrersitz, spannende Momente waren es, wenn Vater ihrer Navigation nicht traute und mit einem Auge auf die Fahrbahn schielte, während er mit dem anderen Auge die richtige Route auf der Karte suchte. 

Es war klar, dass wir nicht schlafen konnten und auf die Aufforderung, auf der Rückbank endlich die Augen zuzumachen, antworteten wir im Gleichklang: 

"Wir schlafen nicht eher, bis das Meer kommt". 

Manchmal mussten wir dann doch anhalten. Am frühen Morgen, irgendwo an einer dieser Rasthäuser an der Autobahn. Zum Tanken und um etwas zu essen. Das Essen wurde direkt im Auto verzehrt, noch heute sehe ich Mama, wie sie die Brote und die Fleischwurststücke aus der Kühltasche nimmt und an meine Schwestern und mich verteilt. Wir hatten alle ein Handtuch über die Knie gelegt, wegen der Sitze, damit diese nicht schmutzig werden! Den Strohhalm steckte immer sie in die dreieckige Sunkist - Packung, denn sie war sicher, dass wir die Limo sonst gegen die Autodecke verspritzen würden. 

"Das Geld für das Rasthaus sparen wir uns, dafür kaufen wir euch etwas Schönes in Italien", hatte Mama gesagt, wenn wir sehnsüchtig den Leuten nachsahen, die in die Rasthäuser gingen und meist mit einem Eis am Stiel herauskamen.

Die Fenster durften wir hinten nie nach unten kurbeln, weil es dann vorne ziehen würde und die Türknöpfe mussten immer nach unten gedrückt sein, weil wir sonst rausgefallen wären.

Bei der dritten Rast verweigerte ich dann die Brote, weil darauf immer dasselbe war. Leberwurst! 

"Die Kinder in Afrika wären froh, wenn sie Brote mit Leberwurst zu essen bekommen würden", war die Antwort meiner Mutter. Ich träumte derweil von Italien, von Melonen und kandierten Früchten, die es am Strand zu kaufen geben würde, wie mir die Freundin meiner großen Schwester erzählt hatte. 

Wir vertrieben uns die Zeit mit Spielen. "Ich sehe was, was du nicht siehst", "Stadt-Land-Fluß" und "Ich packe meinen Koffer". Meine Schwestern spielten Gummi-Twist auf einem Rastplatz. 

"Aber geht nicht so nah an den Fahrbahnrand, sonst erwischt euch ein Auto", hatte Mama gerufen und die beiden waren brav gefolgt. Ich betrachtete die vorbeifahrenden Autos, die allermeisten hatte ich bereits in meinem Quartett gesehen.

 

Wie lange waren wir gefahren, als wir uns der Adria näherten? Es war heiß geworden im Auto. Mama hatte feuchte Tücher hinter die Fensterscheiben geklemmt, das würde kühlen, hatte sie gesagt, denn in Italien wäre es viel heißer als in Deutschland. Papa hatte sich  braune Handschuhe aus Leder (solche mit vielen Löchern) übergestreift, gegen die Hitze des Lenkrads und weil er damit besser lenken könne, hatte er gesagt.

Wir übten Italienisch. Prego heißt Bitte. Grazie Danke. Bambino Kind. Ciao kann man immer sagen, wenn man kommt oder wenn man weggeht.

 

Dann waren wir an unserem Ziel angekommen: Cervia di Pinarella an der Adria und es war genauso überwältigend, wie ich es mir vorgestellt hatte, als wir an einem Morgen, direkt nach dem Frühstück das Pinienwäldchen durchquerten und zum ersten Mal ans Meer gingen. Es war noch niemand am Strand, die Luft angenehm kühl, es wehte ein leichter Wind, die Liegestühle standen geordnet in Reihen, der Sand war in Linien gezogen, unter meinen Füßen kühl und feuchter und fester, je mehr wir uns dem Meer näherten. Das Wasser war salziger, als ich gedacht hatte. 

Wir verbrachten herrliche vierzehn Tage an unserem Urlaubsort, wir Kinder buddelten im Sand, jagten den kleinen Fallschirmen hinterher, an denen Süßigkeiten oder kleine Spielzeuge hingen und die alle paar Stunden von tief fliegenden Flugzeugen mit Reklameband am Heck abgeworfen wurden. Planschten den ganzen Tag über im Uferbereich im hüfthohen Wasser, ließen uns von den Wellen auf der Luftmatratze an Land spülen.

 

Nach dem Abendessen gingen wir oft durch den kleinen Ort, den erst der Tourismus geweckt hatte, betrachteten die Auslagen der Geschäfte, aßen große Portionen Eis oder spielten Fangen auf der Promenade oberhalb des Meeres. Besonders faszinierten mich die neonbunten, zur Straße hin offenen Spielhallen, in denen man Tischfußball und Tisch-Eishockey spielen oder Flippern konnte.

Am Strand aßen wir kandierte Trauben, die auf Holzspieße gesteckt waren und Melonenstücke, die nach Meer rochen.  

Und auch heute bin ich mir noch ganz sicher: 

Niemals mehr schmeckte mir eine Scheibe Melone so gut wie damals in Italien. 

    

                                       © Jürgen Gebhardt

 

 

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