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15.09.2021, 18:04

Erste Lesung 2021 steht an!

Am 05.11.2021 in Kobern-Gondorf werden die 60er Jahre wiederbelebt, Die Brückenschreiber werden Im Weinmuseum Geschichten aus einem legendären Jahrzehnt präsentieren! Weitere Infos folgen +++   mehr




 

Michael Eisenkopf


Michael Eisenkopf, 1957 im Herzen des Ruhrgebiets geboren, hat sein Leben zur Hälfte dort und in Lahnstein verbracht.
Schreibt seit fast vier Jahrzehnten Kurzgeschichten, Aphorismen und Gedichte, schwerpunktmäßig zu politischen, zwischenmenschlichen, satirischen und humorvollen Themen, aber auch Science Fiction- und Fantasy-Texte.

Veröffentlichungen in Anthologien, Literaturzeitschriften, Zeitungen und im Radio.

1. Preis beim Lotto Literaturpreis 2017







  Verzweigungen



Rittersturzbahn

 

Der Mann, der im Kiosk neben der Talstation der Rittersturzbahn sitzt, wirkt viel älter, als er in Wirklichkeit ist. Das hat er mit fast allen Männern seiner Generation gemein. Herr Frerich, so heißt der Mann, sitzt hinter dem kleinen Fenster, das ihn auf die nur wenige Meter entfernte Straße von Koblenz nach Stolzenfels und Richtung Rhein blicken lässt. Von April bis September ist das für zehn Stunden am Tag das Einzige, was ihn mit der Welt verbindet.

 

Manchmal, und heute, an einem trüben September-Tag ist es wieder so weit, ist so wenig zu tun, da vagabundieren seine Gedanken. Manchmal gerät er auch ins Philosophieren. Über die verschiedenen Schichten der Gesellschaft beispielsweise, die er alle hier passieren sieht. Sie tun das in sehr unterschiedlichem Tempo, oft in entgegengesetzte Richtungen.

 

Innerhalb einer Woche sieht er sie alle irgendwann. Die ganz Wohlhabenden nur kurz. Eigentlich sieht er auch nicht sie selbst, er sieht nur ihre gepflegten, von Tankwarten handgewaschenen, chromblitzenden schweren Limousinen. Manchmal leuchtet der polierte Lack kurz in der Sonne, wenn die Autos einbiegen in den seit kurzem asphaltierten Weg, den sie hinauf fahren auf den Berg in seinem Rücken, den gleichen, zu dem die Bergbahn hinaufführt, für die Herr Frerich Fahrkarten verkauft. Angehalten hat noch nie einer von ihnen.

 

Oben mögen sie sich begegnen, die aus den Limousinen und die ohne Auto, denen er das Billet für die Fahrt mit der Standseilbahn durchs Fenster gereicht hat. 2 DM hin und zurück, 1,50 DM kostet die einfache Fahrt fast hundert Meter höher in die Nähe des noch immer vornehmen Hotels, das durch eine wichtige Konferenz Berühmtheit erlangt hat. Nach Kaffee und Kuchen auf der großzügigen Terrasse machen die meisten gern einen Verdauungsspaziergang durchs Laubachtal zurück nach Koblenz.

 

Obwohl es den Menschen Jahr für Jahr besser geht, werden es trotzdem allmählich immer weniger, die bei ihm ein Ticket lösen. Das lässt Frerich nichts Gutes ahnen. Vor dem Krieg sind die Koblenzer und die Touristen in Scharen mit der Bahn gefahren. Sie war noch etwas Besonderes, ja, sie war eine der größten Attraktionen der Stadt, auch wenn die niemals auch nur einen Pfennig in ihren Erhalt gesteckt hat. Aber gibt es mittlerweile so viele Angebote, so viele Ablenkungen, die alle attraktiver zu sein scheinen.

 

Ja, Ablenkung denkt er, das wollen wir doch alle in diesen Jahren. Bloß nicht mehr an früher denken, dieses Früher, das gerade einmal zwölf Jahre zurückliegt. Und doch scheint es sogar ihm selbst, als sei all das Furchtbare, all diese Zerstörung und das Leiden viel, viel länger her. Das meiste zumindest.

 

Er schaut hinaus durchs Fenster, das eingerahmt ist von Zeitungen und Zeitschriften, die er zum Kauf anbietet. Die, die sich eine Fahrkarte kaufen, sind entweder die Besserverdienenden, die eine kleine Abwechslung suchen oder sich mit ihrer Familie ein Freizeitvergnügen leisten. Manchmal fällt ein Eis am Stiel für die Kinder ab, das an den trüben Tagen wie jetzt wie Blei in der bunten Truhe hinter ihm liegen bleibt. Gelegentlich kauft auch einer eine Ansichtskarte, die dann oben mit Blick in die Ferne in launiger Gönnerhaltung geschrieben wird, schließlich soll der Adressat teilhaben am schönen Erleben des Absenders.

 

Manchmal gibt es auch einen besonderen Anlass auf den Rittersturz zu fahren, dann, wenn es einen Betriebsausflug, eine Feier oder einfach nur einen Tag gibt, an dem jemand Fünfe gerade sein lassen will, weil er Urlaub hat oder ihm einfach nur das Geld locker sitzt. Das spürt Frerich, er spürt es an der aufgeräumten, ja ausgelassenen Laune, mit der einer Fahrkarten mit Vorfreude auf die kommenden Stunden auf der Aussichtsterrasse kauft.

 

Dort oben wartet die Aussicht auf den Taunus, den Rhein, auf Koblenz und das idyllisch gelegene Stadion Oberwerth. Das ist der Sehnsuchtsort für alle Jungs hier, die davon träumen, selbst einmal dort zu spielen, selbst den blau-schwarzen Dress der TuS Neuendorf zu tragen, die in der abgelaufenen Saison den Vizemeistertitel in der Oberliga Südwest errungen hat.

 

Sie stehen auf dem Rittersturz, blicken hinab ins Stadion und sehen sich selbst wie sie dort unten das handgenähte Leder, jenen Traum von einem Ball vor sich hertreiben auf dem Rasen, der wie ein Teppich zu sein scheint für fußballverrückte Jungen. Dann tragen sie das Trikot ihrer Träume und spielen mit ihren Idolen zusammen und hoffen darauf, dass ihnen ebenfalls die Tausende auf den Rängen applaudieren und ihren Namen rufen.

 

Von all dem phantasieren sie da oben, dort, wo man den traumhaften Blick ins Oval Koblenzer Fußballträume genießen und der kindlichen Vorstellungskraft freien Lauf lassen kann. Frerich weiß das, weil er selbst einmal dort oben gestanden hat und seiner Hoffnung Flügel wachsen ließ. Damals hatte er auch noch beide Beine und Träume. Er denkt an seine alten Fußballschuhe, die er als Relikt alter Zeiten aufgehoben hat.

 

      

 

Nur der Himmel schien in der letzten Saison die Grenze für die hochfliegenden Träume der TuS gewesen zu sein, die das Fußballfieber in die ganze Stadt, die ganze Region trug. Groß, zu groß wie sich dann herausstellte, waren die Hoffnungen, als sich die Mannschaft als Vizemeister für die Entscheidungsspiele zur Endrunde um die Deutsche Meisterschaft qualifizieren konnte, wobei sie sogar den hohen Favoriten aus Saarbrücken in der südwestdeutschen Oberliga hinter sich gelassen hatte. Dann allerdings war schnell die schlimme Ernüchterung gefolgt, ein 0:8-Debakel gegen den VfB Stuttgart mit einem indisponierten Karl Adam im Tor und zwei denkbar knappe Spiele gegen Hannover 96 bedeuteten das Ende der Sehnsüchte nach dem Fußballruhm.

 

Herr Frerich hatte das Geschehen mit eigenen Ohren verfolgt, liegt doch das Stadion gerade einmal zweihundert Meter Luftlinie entfernt und ließ ihn teilhaben am Auf- und Abschwellen des Stöhnens und Leidens der Masse, zu der die dreißigtausend an diesen Tagen wurden, aber auch an ihrem Jubel, den der Wind an diesen großen Fußballtagen zu ihm herüber zum Kiosk trug. Ein Bombenumsatz war das gewesen an diesen Feiertagen des Sports, Hunderte wollten hinauf, um das Spiel von dort oben mit Feldstechern zu verfolgen.

 

Jedes Fernglas, das auf der Ablage vor dem Fenster abgestellt wurde, um das Fahrgeld aus dem Portemonnaie zu holen, erinnerte Frerich wieder an den Krieg, seine eigenen Erfahrungen als Melder, für den der Feldstecher überlebenswichtig gewesen war, um feindliche Bewegungen rechtzeitig ausmachen zu können. Genutzt hat es ihm am Ende doch nur wenig, weil sie ihn vom Krad schossen. Wenigstens war für ihn der Kriegseinsatz danach vorbei. Vielleicht hat ihm sein amputiertes Bein sogar das Leben gerettet.

 

Manchmal, wenn so wenig los ist wie jetzt und es nicht zu kalt dafür ist, setzt er sich auf einen Hocker vor seine Erfrischungshalle und genießt die frische Luft. So wie jetzt, wo gerade die Elektrisch mit quietschenden Bremsen wenige Meter entfernt anhält. Wieder einmal steigt niemand aus, nur der alte Herr Rückert mit seinem Pudel steigt ein, um nach Kapellen-Stolzenfels zu fahren. Manchmal kommt er auf ein Schwätzchen vorbei, meistens dann, so ist Frerichs Erfahrung, wenn die Sehnsucht nach seiner im Krieg im zerbombten Haus umgekommenen Frau am größten ist und er jemanden braucht, um darüber reden zu können.

 

Dieser verdammte Krieg! So lange ist er schon vorbei, aber für so viele eben noch nicht. Und schon beziehen neue Soldaten wieder die alten Kasernen, schmiedet man längst neue Bündnisse gegen die alten Feinde. Frerich hält nichts davon, gar nichts. Aber Frerichs Sehnsucht nach friedlichen Zeiten ist wohl vergeblich.

 

Die Straßenbahn setzt sich wieder in Bewegung und er sieht, dass der alte Herr Rückert gerade auf dem Holzsitz Platz nimmt. Die Elektrisch ist das Verkehrsmittel für die, denen es schon etwas besser geht, die es sich leisten können, sich fahren zu lassen. Frerich sieht sie morgens müde von zu kurzer Nacht in die Stadt hinein und abends von zu viel Arbeit müde wieder nach Hause fahren. Mancher blickt zur Talstation herüber, Frerich glaubt dann, die Sehnsucht nach dem arbeitsfreien Sonntag oder den wenigen Urlaubstagen in ihren Gesichtern lesen zu können, nach Tagen, wo sie sich oben im Café eine Auszeit gönnen können.

 

Wer sich den kleinen Luxus der Tram nicht leisten kann, kommt auf dem Fahrrad vorbei, nicht wenige aber sind zu Fuß unterwegs. Manche sind arme Teufel, deren Geld nicht für die Straßenbahn reicht. Sie könnten auch den schönen Leinpfad hinter der Eisenbahnlinie am Rhein entlang nehmen, dort, wo es ruhiger und von besserer Luft ist. Vielleicht aber hoffen sie, dass an der Straße einer der passierenden Autofahrer sich von ihrem ausgestreckten Daumen erweichen lässt und sie mitnimmt. Nachmittags und abends sind es auch die Durstigen, die, als wollten sie sich im Staub der Straße noch etwas Durst holen, zum Brauereiausschank der Königsbacher laufen und sich später beseelt vom Alkohol von der Elektrisch wieder zurück kutschieren lassen.

 

Abends um acht Uhr holt Frerich die Zeitungen und Zeitschriften herein, schließt die alten Holzläden und drückt die Vorhängeschlösser am Kiosk und am Gittertor zur Rittersturzbahn zu, das den Wagen und das Gelände vor Metalldieben und Vandalismus bewahrt.

 

Dann setzt er sich auf sein Fahrrad, das er mit seinem Holzbein zu fahren gelernt hat. Heute hat ihm Marie eine Kartoffelsuppe versprochen.



Der Irre mit der Bogenlampe

 

„Ist der bescheuert? Was macht der Irre denn?!“

 

Dieser Satz und die Situation, in der Jürgen ihn ausrief, werden wohl auf ewig in meinem Gedächtnis gespeichert bleiben.

 

Es gibt Fußballer, die einen zum Wahnsinn treiben. Irgendwann braucht man nur die Erwähnung des Namens bei der Mannschaftsaufstellung, um bedient zu sein. Jeder Fan hat wahrscheinlich so einen. Jürgen hatte ihn auch. „Wenn ich den bloß sehe. Nicht auszuhalten!“ So recht verstehen konnte ich ihn nicht, denn sein Pulsbeschleuniger war einer meiner Lieblingsspieler bei der TuS, denn auch an schlechten Tagen, die naturgemäß jeder Fußballer hat, bringt er mindestens das auf den Platz, was ihn für mich immer ausgezeichnet hat: Ein großes Kämpferherz.

 

Jürgen und ich, sonst Stammgäste in Block 2, haben uns heute einen Platz auf der Haupttribüne gegönnt. Trotz unseres Aberglaubens, eine Veränderung alter Rituale könne Unglück bringen. Manchmal aber müssen Neuerungen sein und wenn es nur deshalb ist, angesichts der Anstoß- und langer Arbeitszeit einen nummerierten Sitz zu haben, der an diesem Abend für uns reserviert ist.

 

Die TuS hält gut mit, kann das Spiel ausgeglichen gestalten, was gegen einen klassenhöheren Verein allein schon aller Ehren wert ist. Dann gibt es im Pokalspiel gegen Hertha eine Spielsituation, in der zwei Meter vor ihm ein Mitspieler einem Berliner versucht, den Ball abzuluchsen. Michael Stahl, der anfangs Erwähnte, geht dazwischen, mit einem Drive, der keinen Widerspruch, keine Gegenwehr duldet und drischt das Leder wie es scheint mit roher Gewalt aus der eigenen Hälfte hinaus.

 

Ich denke noch: Geh‘ doch lieber auf Nummer Sicher, spiel‘ zurück zu Pospischil. Zu spät. Vielleicht hat er gesehen, dass Sejna, der Berliner Keeper, der Unglückliche, an der Strafraumgrenze, also viel zu weit vor seinem Tor steht. Stahl hält einfach drauf. Er schlägt einen langgezogenen Ball, eine Bogenlampe, der alle im Stadion einschließlich Sejna gebannt hinterherschauen.

 

Gleich einem Skispringer, der gerade den Schanzenrekord bricht, fliegt das Leder und fliegt und fliegt und fliegt. Und will scheinbar gar nicht mehr herunterkommen. Noch einmal tickt der Ball am Fünfmeterraum auf, dann fällt er halbrechts ins Tor, das Netz wölbt sich.

 

Hinterher werden sie nachmessen und sagen: 61 Meter. Und es später auszeichnen: Tor des Monats. Und noch später ein weiteres Mal: Tor des Jahres. An diesem Dienstagabend im Oktober bedeutet dieser Schuss das Ausschalten des klassenhöheren Bundesligisten Hertha BSC.

 

Und, dass Jürgen nie wieder ein böses Wort über Michael Stahl verlor, den Irren vom Oberwerth, versteht sich von selbst.

 

Beim dritten Feierbier nach dem Spiel sagte er dann noch den zweiten legendären Satz des Abends: „Mensch, der Stahli, ich hab’s doch immer schon gesagt.“

 



Reminiszenz an einen Nobelpreisträger



TuS Koblenz

5. Oktober 2008

 

                                                       David Yelldell

  Du-Ri Cha         Matej Mavric         Andreas Richter         Frank Wiblishauser

 Manuel Hartmann         Branimir Bajic         Lars Bender         Ardijan Djokaj

                             Emmanuel Krontiris         Matthew Taylor

 

 

Trainer: Uwe Rapolder




        © Michael Eisenkopf

 

 

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