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16.03.2021, 18:04

Bald gibt es was auf die Ohren...

Im zweiten Halbjahr 2021 richten wir ein Audio-Archiv ein! Hört euch unsere Geschichten ganz einfach und entspannt auf dem Tablet oder dem Smartphone an.    mehr




 

Sven Schmidt

 Sven Schmidt, geboren 1977 in Neuwied, seitdem zufriedener Stadtteilbewohner zwischen Wied und Rhein, nach Abitur und Wehrdienst zum Bürostuhlakrobaten mutiert, verheiratet, Vater von zwei Kindern, über das Lesen zum Schreiben gekommen. Begeisterter Besucher der Neuwieder Literaturwerkstatt . Schreibt hauptsächlich Kurzgeschichten, ohne sich auf bestimmte Themengebiete festzulegen. Träumt von Zeit und Geduld irgendwann ein kleines Büchlein mit Leben zu füllen und Gast beim "Literarischen Quartett" zu sein.

 

Weitere Geschichten könnt ihr in unserer Anthologie "Giovannis blonde Frauen" finden!

 

Brief an Mich

Lieber Sven,


dies ist ein Brief aus der Hätte-so-sein-können-Vergangenheit - oder aus der Wird-vielleicht-noch-werden-Zukunft - je nachdem, wie du es betrachtest.

Weißt du noch, was geschehen wird?
Erinnerst du dich an die Preise, die wir gewinnen werden?
Hörst du auch noch den Applaus, der sich auftürmen und brechen wird?

Der Beginn wird die IDEE sein. Diese eine Idee – innovativ, revolutionär .
Ich weiß nicht mehr, wer von uns diesen Einfall hatte, aber es spielte auch keine Rolle mehr, im Sog der Welle, die uns erfasste und in den Ruhm tragen wird.
Die 24 Stunden jeden Tages waren für mich immer gleichförmig, hielten mich im Takt, bestimmten die Regeln. Die Arbeit an unserem Projekt, die fantastische Vision der Veränderung, die große Einfachheit, hinter der unzählige Wochen Arbeit lagen, wird mein Zeitgefühl sprengen.

Fühlst du noch den Stolz, bei der Unterschrift des ersten Vertrages?
Warst du ebenso aufgeregt, beim Blick durch den Vorhang, auf das baldige Publikum?
Kratzten in dir auch erste, leise Zweifel, bei den zwielichtigen Personen, die uns als neue Freunde umgarnen werden?

Der Erfolg löschte alle Bedenken und wird dein und mein Leben, die Menschen um uns herum und das Vorher aus der Normal-Zeit katapultieren. Freunde werden uns nicht wiedererkennen, Schmeißfliegen nagten an den tönernen Füßen, auf denen wir stehen werden.
Ein Regen aus Geld, Anerkennung, Schulterklopfer … Seelenfresser.

Vor so vielen Menschen zu sein, einer Masse, die  gottgleich huldigt, verändern jeden Charakter.
Man verliert den Kontakt zu seiner Vergangenheit und der Schlagbaum der eigenen Grenzen öffnet sich bereitwillig für den unumgänglichen Realitätsverlust. Der Rausch im Massenbad und der gefühlt unantastbare Heldenstatus speist die Ikonisierung des Selbstwertgefühls und manövriert das Ego auf den Pfad des Größenwahns.  Der unausweichliche Sturz vom Sockel wird tief sein.

Schließlich waren wir wieder da, wo wir ohne unsere Idee immer hätten sein sollen.

Weißt du noch, als wir uns noch nicht so gut kannten?
Als wir noch in diesen Kurs gingen, um einfach nur zu schreiben?
Wo Vergangenheit war und Zukunft noch sein wird?

Die Gegenwart ist so schön unbestimmt und eröffnet alle Möglichkeiten.
Daher bin ich wieder im Jetzt angekommen und freue mich in Zukunft darauf, viele gute Texte von dir zu lesen, die ja auch manchmal etwas von deiner Vergangenheit preisgeben werden.

Aber eines geht mir nach diesem Gedankenrausch nicht aus dem Kopf:  
War die Idee oder wird sie sein?


Mit schreibfreudigen Grüßen
Dein Ich  

 

                                                                                                                           Irlich, den XX.XX.20XX                                     


 © Sven Schmidt                                                                            07/2020



 

 

Kontakt:  

brueckenschreiber-koblenz@t-online.de