+++Brückis News+++


Zurück zur Übersicht

16.03.2021

Bald gibt es was auf die Ohren...

Im zweiten Halbjahr 2021 richten wir ein Audio-Archiv ein!
Hört euch unsere Geschichten ganz einfach und entspannt auf dem Tablet oder dem Smartphone an.



Zurück zur Übersicht


 

Jürgen Gebhardt               

Im Mai 1957 in Koblenz geboren, seit der Jahrtausendwende im unteren Westerwald lebend. Schreibt Kurzgeschichten seit 2005. Themen sind die Skurillitäten des Alltags, die Natur, die Heimat und die Menschen. Das Leben an sich in all seinen Facetten. Erfüllte und unerfüllte Wünsche, Träume und Sehnsüchte. Die Vergänglichkeit und der Tod. Wird auch zukünftig mit Lust und Frust an kürzerer und längerer Prosa mit dem Ziel arbeiten, diese in Anthologien und Literaturzeitschriten zu veröffentlichen und bei Lesungen vorzustellen.



 Der Neffe des Don    

 

Den Rappen hätte er nehmen sollen. Das stolze, gut genährte Tier stand direkt am Eingang und sah aus, als wartete es ungeduldig darauf, endlich rauszukommen aus dem Verleihstall, den man über einen schmalen Torbogen erreichte. Aber nein, er steuerte, kaum, dass wir den Hof des Verleihers betreten hatten, auf eine klapprige,  weiße Stute zu. Ein hohes, rappeldürres Tier mit wie aus der Hand geworfenen schwarzen Sprenkeln, vorstehenden Beckenknochen und verfilzter Mähne um den langen Kopf.

Ich entschied mich für einen wohlgenährten Bordeaux-Esel, der aussah, als könne er alle Lasten dieser Welt tragen. Paolo hieß er, wie der Verleiher teilnahmslos bemerkte, der mit dem Motto Wandern mit Eseln. Entschleunige dein Leben! für diese Art Urlaub geworben hatte.

Argamasilla de Alba hatte sich verändert seit -, ach, darüber berichte ich vielleicht später noch. Wir ritten an dem eingefassten Kanal entlang. Über der Hauptstraße flutete der Autoverkehr wie in der Hauptstadt, die keine Autostunde von hier entfernt lag. Wir ließen die Avenida Principal hinter uns, bewegten uns langsam zwischen weiß getünchten Häusern, durch schattige Seitenstraßen, deren Enge uns vor der hochstehenden Mittagssonne schützte. Hinter dem Casa de Medrano, einem langen, niedrigen Bau, der in früheren Zeiten als Gefängnis gedient haben soll, erreichten wir den Ortsrand. Der Weg war kaum breit genug für einen Reiter, der sein Pferd eng am Zügel führte. Kaum mehr als ein Trampelpfad, schlängelte er sich die sanften Hügelketten rauf und runter, hier und da schwangen einzelne Grashalme sanft im Wind.

Windstöße wehten die Laute der weit entfernten Autobahn über die Hochebene. Vor dem Dorf, an dem wir entlang ritten, erspähten wir eine der typischen Mancha-Molinos. Ein weiß gekalkter Zylinder, am spitz zulaufenden Dach warteten vier schwarze Flügel gelangweilt auf das Einsetzen der Abendbrise. Schafe suchten dicht gedrängt den Schutz eines hastig zusammengenagelten Schuppens. Ein Viehhirte lag schlafend im Schatten der Mühle, den Basthut tief über das Gesicht gezogen.

"Diese Riesen hat mein Ur-Onkel längst besiegt. Wir können weiter", rief Alfredo. Dabei richtete er seinen Blick starr geradeaus. "Meine Berufung ist, weit größere Abenteuer bestehen zu müssen".

Ich spürte, wie sich ein stählerner Ring um meine Brust legte bei all dem Unsinn, den mein Gefährte absonderte. Auf den Spuren des Don Quijote, hatte das Prospekt versprochen, schlagartig wurde mir in diesem Moment jedoch klar, dass es viel Mühe kosten würde, Alfredo von seinem Vorhaben abzubringen.

Ein Dorfmädchen in farbenfroher Mancha-Tracht ritt uns auf dem Rücken einer Mula entgegen. "Ob ich Dulcinea jemals wiedersehen werde? Wo sie wohl ist? Wie es ihr wohl ergeht?"

Das Stakkato seiner Fragen riss mich aus meinen Gedanken.

Eine Gruppe Wanderer begegnete uns. Ihre Blicke blieben beim Vorübergehen an uns kleben. Als wir uns umdrehten, bemerkten wir, dass sie uns nachsahen und lachend auf uns zeigten. Ihre helle Kleidung reflektierte die Sonnenstrahlen.

"Das sind keine einfachen Manchegos".

Alfredo japste aufgeregt nach Luft.

"Das sind auch keine Wanderer, wie es mir erst erschien. Nein, das sind Ritter und ihre Knappen! Ich habe es doch gewusst, wir müssen näher an der Burg sein, als wir dachten. Irgendwo hinter einem der Hügel der Steinsteppe muss es sein, das Kastell. Dort wird es thronen, abweisend und uneinnehmbar. Ob sie dort meine Angebetete gefangen halten?"

Alfredo haute dem armen Klepper die Schuhe in die Seite.

Ich spürte, dass die Müdigkeit mehr und mehr von meinem Körper Besitz ergriff. Wir könnten ja in einem der Motels direkt an der Autobahn übernachten, schlug ich vor.

"Nein, ich werde uns später eine Unterkunft suchen. Jetzt müssen wir noch ein paar Stunden reiten," sinnierte Alfredo, "eine einfache Herberge, in der Einheimische und Heimatlose ihr karges Nachtlager aufschlagen, darin werden wir nächtigen. Wir werden in einem Stall auf dem Stroh direkt neben den Tieren schlafen. Ein karges Nachtmahl einnehmen, eine Gazpacho, Manchego-Käse mit einer dicken Scheibe Landbrot, ein paar Schlucke Wein aus dem Schlauch".

Mit offenem Mund sah ich ihn an. Schweigend ritten wir weiter. Das Pferd hatte den Kopf gesenkt, bei jedem seiner Schritte zeichneten sich die scharfen Kanten der Beckenknochen im Fell ab.

"Halt! Da ist was! Hörst du das? Seltsam!"

Alfredo hielt sein Pferd an, saß mit einem Mal senkrecht im abgewetzten Sattel. 

"Sancho, hast du das Geräusch gehört? So etwas habe ich noch nie vernommen".

"Ich heiße nicht Sancho, ich bin Miguel, wie oft denn noch", protestierte ich lautstark.

"Ist ja gut, aber was sind das für Geräusche, Sancho? Sag es mir".

"Das sind Windräder, durch die Strom erzeugt wird. Es gibt eine Menge davon auf der Hochebene. Du wirst sie gleich sehen, wenn wir auf dem Plateau sind".

"Windräder? Stromerzeugung? So ein Quatsch. Riesen sind es, Riesen mit mächtigen Armen! Sie bewachen das Kastell, in dem Dulcinea gefangen gehalten wird. Meine Dulcinea, meine Angebetete!. Komm, Rocinante."

Er zog an den Zügeln. Langsam setzte sich das ausgemergelte Tier in Bewegung; den sanft ansteigenden, gewundenen Pfad direkt auf die Hochebene hinauf. 

Die untergehende Sonne beleuchtete die Spitzen der Windräder, die sich träge im Wind drehten.

 

Wahre Helden sind Idealisten.

Oft einsam.

Unverstanden.

Verkannt.

 

Paolo stand bewegungslos neben mir, den Kopf leicht gesenkt. Gedankenverloren streichelte ich über seine Mähne. An der Kante zur Hochebene konnte ich Alfredo erkennen. Senkrecht saß er im Sattel seiner Rocinante. Die tief stehende Abendsonne beleuchtete seine Silhouette.

In diesem Augenblick war er ganz der Don! Er griff nach der Bohnenstange, die er am Wegrand gefunden hatte, klemmte sie unter seinen Arm, richtete sie nach vorne. Dann gab er dem alten Klepper die Sporen.

 

Die Gedanken kreisten ungeordnet in meinem Kopf. Ich spürte, wie tiefe Traurigkeit von mir Besitz ergriff. 

Ich zog mein Handy aus der Tasche und wählte die Nummer, die man mir für diesen Fall mitgegeben hatte. 

 

 

  © Jürgen Gebhardt

 

 

Kontakt:  

brueckenschreiber-koblenz@t-online.de