Jürgen Gebhardt               

Im Mai 1957 in Koblenz geboren, seit der Jahrtausendwende im unteren Westerwald lebend. Schreibt Kurzgeschichten seit 2005. Themen sind die Skurillitäten des Alltags, die Natur, die Heimat und die Menschen. Das Leben an sich in all seinen Facetten. Erfüllte und unerfüllte Wünsche, Träume und Sehnsüchte. Die Vergänglichkeit und der Tod. Wird auch zukünftig mit Lust und Frust an kürzerer und längerer Prosa mit dem Ziel arbeiten, diese in Anthologien und Literaturzeitschriten zu veröffentlichen und bei Lesungen vorzutragen. 


Letzter Spieltag

 

War ja klar, dass heute so ein Mistwetter werden würde. Es hatte die ganze Nacht geregnet und nicht mehr aufgehört. Brauche ich das? Bin ich Fritz Walter, oder was? Nein, mein Wetter ist das nicht. Mir ist Sonnenschein lieber. Scheiße, das hat mir gerade noch gefehlt. Ausgerechnet heute! 

Aber egal, da muss ich jetzt durch. Also rauf auf den Platz. Immer zuerst mit dem linken Fuß, da bin ich abergläubig. Dann noch mit der rechten Hand kurz das Spielfeld berühren. Das sind so Rituale, ohne die ich nicht spielen kann. Einmal habe ich  mir gesagt, scheiß drauf, und bin mit dem anderen Schlappen zuerst auf den Platz. Was war das Ergebnis? Niederlage natürlich. Und was für eine, eine 1 zu 7 - Klatsche! Als ich mich vornüber beuge, um die Schnürsenkel festzuziehen, dreht sich mir alles im Kopf. Oh je, das kann ja heiter werden.    

Das Plärren der Lautsprecher, aus denen ununterbrochen Schlagermusik dröhnt, übertönt das Stimmengewirr der beiden Fankurven. Zwischendurch Ansagen zur Tombola und runden Geburtstagen von Vereinsmitgliedern. Ich gucke mich um. Wie viele Zuschauer sind heute wohl hier? Imponierende Kulisse. Länderspielatmosphäre. Man merkt, heute geht es richtig um was. Das will niemand verpassen.

 

"Männer, heute müsst ihr Gras fressen. Ich will euch kotzen sehen!" 

Vasili hatte schon immer so seine ureigene Ansprache. Verrückter Russe! War in der Kabine von Spieler zu Spieler gegangen. High Five hier, ein Schulterklopfer dort und immer wieder Sprüche von Blut, Schweiß und Tränen. Hielt mir die Taktiktafel unter die Nase. Ich hatte zugehört, dabei so getan, als sei ich mit meinen Schnürsenkeln beschäftigt, dabei nur kurz auf die Tafel geschaut, den Atem angehalten und darauf geachtet, dass Vasili mir nicht zu nahe kommt. Der Kerl hat einen extrem guten Geruchsinn, wenn der etwas ahnt, flehmt er wie mein Kater. In der Umkleidekabine roch es ranzig wie in einer Ringerbude. Mein Magen krampfte und ich hatte alle Mühe, den Inhalt nicht in den Eimer mit den Trinkflaschen zu entleeren.      

"Heute werden Helden gemacht", höre ich Vasili beim Anstoß noch rufen. 

Die Kulisse ist sofort da, Zuschauer haben ein Transparent gespannt: 

 

"FCO - Meister 2018/2019".

 

Letzter Spieltag. Ein schlappes Unentschieden würden wir heute gegen den Tabellenvorletzten benötigen, den wir im Hinspiel auswärts mit 6 zu 1 abgefertigt hatten. Ein leichtes Unterfangen, am Ende konnte nur der Aufstieg stehen. 

 

Scheiße, das geht ja gut los. Aris Pass zu Lommi wird von Weidenbach abgefangen. Was heißt abgefangen? Weidenbach trümmert unserem 6er die Pille vom Fuß. Dieser verdammte Knochenbrecher! Schuss auf unser Tor, knapp daneben. Sind die verrückt? Wer hat denn hier Heimspiel? 

Ich komme nicht ins Spiel rein. Mein Magen rebelliert, im Kopf Karussell. Ich tauche ab, versuche, inmitten der zweiundzwanzig Beine unsichtbar zu sein. Blöd, in der ersten Halbzeit spiele ich in Heimspielen immer genau vor der Trainerbank. Muss Vasilis Genörgel ertragen. Marco, mach dies, Marco, mach das. Du kannst mehr und weiter so einen Scheiß! Wenn ich in der zweiten Halbzeit auf der Gegenseite spiele, taue ich auf, dann habe ich den Kerl nicht im Nacken und kann frei aufspielen. 

Aber jetzt ist halt erste Halbzeit, Regen und mich quälen die Nachwehen vom Vorabend. Kaum dass zwanzig Minuten gespielt sind, steht es 0 zu 2. Zwei Glücksschüsse des Gegners. Hauen einfach mal drauf und drin sind die Dinger. Unverdient. Scheiße.  

Vasili dreht durch. Schreit, gibt Anweisungen. Das kapiert doch keiner! Was denkt er denn, wer wir sind? Ari, Emre, Lommi, Stolli, und Muri versuchen alles. Angriff auf Angriff rollt gegen das gegnerische Tor, aber nichts gelingt. Der Ball ist unser Feind.  

Mit dem Halbzeitpfiff schlägt es wieder ein: 0 zu 3. 

Ach du Scheiße, das wird ein Debakel. Und wir wollten aufsteigen? Wollten mit einem Sieg das Ding nach Hause bringen, über die Grenzen bekannt werden als Meister und Aufsteiger. Großes erreichen! Gestern Abend hat man noch hinter vorgehaltener Hand geflüstert, dass Scouts großer Vereine das Spiel beobachten würden. Und nun das! Der Abstiegskandidat, die Spielvereinigung Niederdiefenbach-Wefelscheidt-Rottenberg II. Mannschaft spielt uns an die Wand! 0 zu 3 zur Pause, das musst du dir mal reintun. 

Der Geruch von Bratwurst und verbrannten Steaks weht über den Platz. Ich wate durch die Pfützen, die sich auf dem Aschenplatz gebildet haben. Schmähgesänge aus dem Gästeblock bohren sich in meinen Kopf. Eure Eltern sind Geschwister, grölt ein Fan der Diefenbacher, einen Bierbecher in der Hand.

Kerl, warte nur, dich greif ich mir nachher! Oh Mann, was habe ich wacklige Beine. In der Halbzeitpause gebe ich dem Drängen meines Magens nach. Die Nachwirkungen der vergangenen Nacht. War schön mit dem ganzen Team im Kirmeszelt. Aber warum musste man uns gestern bereits als sicheren Aufsteiger feiern? Bei Bier und dem einen oder anderen Körnchen. Bis drei Uhr in der Früh. Die putzt ihr morgen weg, keine Frage!

Oh nein, wir lassen uns nicht abschlachten! Wir mobilisieren nochmals alle Kräfte. Die zweite Halbzeit geht an uns, 2 zu 1. Wir schießen das einhundertste Saisontor, darauf hatte der Platzwart drei Eimer voller Bierflaschen ausgelobt, die bereits gut gekühlt auf uns im Umkleideraum warten. 

"Eigentlich müsste ich euch alle rausschmeißen." 

Vasili tobt, die Gardinenpredigt dauert geschlagene fünfzehn Minuten. Er haut alles raus, was er verbal drauf hat. "Schönwetterfußballer. Feuern müsste man euch alle. Das ganze Team. Ausnahmslos! Aber ihr werdet allesamt auch im kommenden Jahr wieder Kreisliga D hier beim FC Oberstollenberg-Lüdenbach spielen, sonst will euch  ja keiner haben. Das soll eure Strafe sein! Und morgen Nachmittag ist nichts mit Kirmesmontag. Sondertraining um 16 Uhr, ihr Hartplatzhelden."

 

Still sitze ich auf der Bank, habe eine wärmende Decke um mich gelegt, meine müden Glieder ausgestreckt. Nehme einen tiefen Schluck aus der Bierflasche, als Vasili wegsieht. Langsam erwacht das Leben wieder in mir. 

"Hey Marco, heute Abend im Bierzelt?" Ich schaue nach links, Lommi knipst mir mit einem Auge zu, flüstert leise. 

"Ari, Stolli, Emre und Muri, wir sind alle da", flüsterte er. "Die Diefenbacher wollen es mächtig krachen lassen. Nichtabstiegsfeier!"     

   

                                       © Jürgen Gebhardt

 

 

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