Sven Schmidt

 Sven Schmidt, geboren 1977 in Neuwied, seitdem zufriedener Stadtteilbewohner zwischen Wied und Rhein, nach Abitur und Wehrdienst zum Bürostuhlakrobaten mutiert, verheiratet, Vater von zwei Kindern, über das Lesen zum Schreiben gekommen. Begeisterter Besucher der Neuwieder Literaturwerkstatt . Schreibt hauptsächlich Kurzgeschichten, ohne sich auf bestimmte Themengebiete festzulegen. Träumt von Zeit und Geduld irgendwann ein kleines Büchlein mit Leben zu füllen und Gast beim "Literarischen Quartett" zu sein.

 

Diese  und weitere Geschichten könnt ihr in unserer Anthologie "Giovannis blonde Frauen" finden!

 

Das Toupet




„Wie sieht es denn hier aus?“
Der Boden voll gekrümelt, Kaffeeflecken auf dem Tisch – seine Frau war vielleicht nicht sonderlich intelligent, aber faul war sie normalerweise nicht.
„Elvira, warum hast du das Frühstück nicht abgeräumt?“, blaffte er durch die Küchendurchreiche.  Diesen desaströsen Tag wollte er eigentlich mit dem Knallen der Haustür aus seinem Kopf hämmern. Stattdessen erwartete ihn so ein Chaos.
Wut stieg auf. Bernd brauchte dringend ein Ventil.
„Du weißt doch, wie sehr ich Unordnung hasse! Elvira? EEEElviira?“. 
Er wollte sich jetzt streiten. Mit einem Gegner, dem er regelmäßig haushoch überlegen war. „Elviraaaaa?“  Keine Antwort. Seltsam.
Im Wohnzimmer waren alle Schränke durchwühlt und der Inhalt der Finanz- und Versicherungsordner war auf dem Boden verteilt. Seine Rasierwassersammlung lag entleert in der Badewanne. Bilder waren von den Wänden gerissen worden. Es war ein unfassbares Durcheinander.
„Hier muss eingebrochen worden sein“, stammelte er.
Eine Schockwelle lähmte ihn für einen Moment. Als er zum Telefonhörer greifen wollte, blieb sein Blick an der offenen Schlafzimmertür hängen. „Elvira?“.
Langsam ging er durch den Flur. Ein ungutes Gefühl drückte seinen Magen zusammen. „Schatz, bist du da?“, fragte er im leisen Flüsterton in das halbdunkle Zimmer.
Er schaltete das Licht ein. Der große Kleiderschrank stand offen und Elviras leere Schrankseite gab den Blick frei auf eine sich manifestierende Gewissheit.
„Sie hat mich verlassen“, schoss es Bernd durch den Kopf.  
Als er sich ratlos über die Haare fahren wollte, tätschelte seine Hand lediglich über blanke Haut. Er sah schockiert in den Spiegel neben der großen, ausgeräumten Kommode.
Seine Halbglatze reflektierte das kaltweiße Licht der Deckenlampe.
Er hatte heute Morgen vergessen, das Toupet aufzusetzen.
Jetzt wurde ihm auch schlagartig klar, warum die Menschen in der U-Bahn und vor allem die Kollegen ihn wie einen Außerirdischen angesehen hatten. Die süffisant grinsenden Gesichter ergaben jetzt endlich einen Sinn.
Bernd wurde schlagartig klar: Dann hatte er sich auch vor Gudrun Meier blamiert. Seiner neuen Sekretärin.
Seit der Betriebsfeier vor zwei Monaten konnte er seine Augen nicht von ihr lassen. Er hatte schon befürchtet, Elvira hätte an diesem Abend Verdacht geschöpft. Aber gegen Ende der Feier verstanden sich seine Frau und Gudrun ausgezeichnet.
Und ausgerechnet heute, wo er sich ein Herz gefasst hatte und sie nach dem Diktat endlich zum Mittagessen einladen wollte – stand er so vor ihr, fast haarlos – entmannt.

Sein gespielt selbstbewusstes Auftreten, seine einstudierten Scherze … eine Farce …  ein Monument der Peinlichkeit. Nur die plötzlich anberaumte Konferenz hatte seinen vorsichtigen Annäherungsversuch im letzten Moment verhindert.

 
Er vertrieb das Bild des vor seinem Schreibtisch tanzenden, spärlich bekleideten Fräuleins aus seinen Gedanken, verließ das Schlafzimmer und bemerkte etwas an der Wohnzimmerwand über dem Sofa. Etwas, das dort nicht hingehörte.
Die Spitze seines Jagdmessers, das offensichtlich jemand in die Wand gerammt hatte, spießte etwas Weiches, Fellartiges auf, darunter ein Fetzen Papier.
Er kletterte umständlich über das Sofa und zog das Messer vorsichtig heraus.
Sein Haarteil, zerfleddert und mittig mit einem riesigen Loch versehen, wurde Opfer der Wut seiner getürmten Ehefrau. Ein seltsames, unbestimmtes Gefühl durchkroch seine Brust, als er Elviras saubere Handschrift auf dem Zettel erkannte. Die Tatsache, dass sie ihn verlassen hatte schockierte ihn einerseits, aber setzte in einem anderen Teil seiner Seele auch etwas Prickelndes, etwas völlig Neues frei. Er dachte wieder an das Fräulein Meier und sah sie neben sich, durch den Wind brausen in dem Cabrio, dass er sich schon so lange wünschte und mit dem zurückgelegten Geld jetzt auch endlich kaufen wollte.
Ein sehnsüchtiges Lächeln flog über sein Gesicht. Dann las er den Zettel:


Hallo Bernd,


du fragst dich sicher, was los ist. Es ist ganz einfach.
Ich kann dich nicht mehr ertragen. Deine selbstgerechte Art, deine Überheblichkeit. Jahrelang habe ich mir deinen Ordnungswahn gefallen lassen, habe versucht dir eine gute Frau zu sein. Du hast mich immer nur herablassend behandelt, mich für dumm gehalten. Hast mir nie zugehört, hast jahrelang dein geheimes Konto vor mir versteckt.
Mit der Zeit wurde mir dann alles gleichgültig. Du wurdest mir egal.
Ich erwartete nicht mehr viel vom Leben.
Bis vor 8 Wochen. Als ich Gudrun kennenlernte. Sie erzählte mir davon, wie du sie den ganzen Tag im Büro anstarren würdest. Lüstern, ja fast verzweifelt. Wir amüsierten uns köstlich darüber und kamen uns immer näher. Sie erzählte mir, dass sie nichts mit Männern anfangen könnte. Zuerst schockierte mich der Gedanke eine Frau zu lieben, doch Gudrun hatte gute Argumente, um mich zu überzeugen und dich zu verlassen.
Im Übrigen brauchst du deine geheimen Rücklagen gar nicht erst zu suchen.

Als Wiedergutmachung für 15 verschwendete Jahre, werden Gudrun und ich uns damit ein schönes Leben aufbauen.

Irgendwo ganz weit entfernt von dir.


Aber keine Sorge. 200 EURO habe ich dir übrig gelassen. Davon kannst du dir einen neuen „Fiffi“ für deine Platte kaufen.

Elvira

 

 




 © Sven Schmidt                                                                            07/2019



 

 

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